Polica                        16.02.20 Frankfurt, Zoom

 

Manchmal lässt sich gar nicht so ganz genau erklären, warum man ein gewisses Faible für ausgerechnet die EINE Band aus einem bestimmten Genre entwickelt, obwohl deren musikalische Stilistik eigentlich so gar nicht in den üblichen musikalischen Radius passen will.

Das Debüt-Album 'Bring you the Ghost' von POLICA (mit einem kleinen Wurmfortsatz unterhalb des C – schafft meine Tastur grad nicht graphisch darzustellen) hat mich vor ein paar Jahren sehr schnell in seinen Bann gezogen. Mit sanft-giftigem Elektropop inklusive einer unglaublich groovenden Rhythmustruppe neben – oder besser hinter? - dieser ziemlich genialen (allerdings natürlich auch sehr effektvoll gepushten) Stimme von Channy Leaneagh. Dazu dann gleich mehr. Seitdem verfolge ich das Schaffen der Band mit mal mehr, mal weniger großem Interesse. Auch auf den beiden Nachfolgealben finden sich geniale Stücke, teils versteckt zwischen viel elektronischem Sound mit ausgedehnten Modern-R'n'B-Ausflügen, die die Nerven des geneigten Hörers manchmal etwas überstrapazieren können oder ganz einfach nur zum ausgiebigen Gähnen einladen.

Als bekennender Rocker kann ich mir solchen Sound deshalb auch nicht immer zu Gemüte führen, aber bei bestimmten Gelegenheiten passt das schon ganz gut in das abendliche Musikmenue. Insofern habe ich nun auch nicht unbedingt auf neue Aktivitäten dieser Band aus Minneapolis hingefiebert. Beim eher zufälligen Durchklicken des aktuellen Programmangebotes interessanter Live-Musik-Locations in Frankfurt bin ich Anfang des Jahres dann aber auf ein Gastspiel von POLICA im nahegelegenen ZOOM gestossen. Yo, kann man eigentlich mal machen an nem Sonntagabend Mitte Februar!

Im Vorprogramm stand ein DJ an seinem Pult und fabrizierte seine DJ-Sounds. Das war jetzt wirklich nicht mein Format, weshalb ich fairerweise (v. a. wegen meines fehlenden Know-Hows hinsichtlich solcher Musik!) mich dazu an dieser Stelle auch nicht weiter äußern möchte. Da steht mir das traditionelle Rhythmushandwerk eben doch deutlich näher als diese digitalen Klicks und Beats.
Übrigens noch so ein Grund, warum der Elektropop von POLICA so was Einzigartiges hat. Letztendlich ist es trotz der ganzen Sample-Sound-Spielereien eben dieses Rhythmus-Trio, das den Groove vorgibt. Eine doppelte Schlagzeug-Besetzung (Drew Christophersen und Ben Ivascu) liefert halt schon per definitionem ein ganz schönes Brett ab! Bassist Chris Bierden setzt darüber die tanzbaren Lines für die Magengrube, und sowas wie eine Gitarre wäre in diesem Zusammenhang einfach unpassend, schlicht too much. Passend dagegen, dass der eigentliche Mastermind von POLICA gar nicht mit auf der Bühne stand. Der Produzent und Soundtüftler Ryan Olsen hat zusammen mit Leaneagh die Band 2010 gegründet und nach wie vor stammen alle Songs aus der Feder dieser Beiden.

Und damit kämen wir zu dem eigentlichen Markenzeichen der Truppe aus Minneapolis: Dem Gesang! Letzendlich steht und fällt das gesamte Konstrukt nämlich tatsächlich mit dieser Stimme. Das ist mir eigentlich erst bei diesem Konzerterlebnis vollkommen bewusst geworden. Leaneagh hat nicht nur einfach ein schön klingendes Organ. Was sie wirklich auszeichnet ist auch nicht dieser, schon ab und an sehr dick aufgetragene Auto-Tune-Sound – den Älteren unter euch vielleicht auch als 'Cher-Effekt' bekannt. Richtig faszinierend ist vielmehr, dass man es hier mit Gesangslinien zu tun hat, die den jeweiligen Song nicht begleiten oder 'verschönern', sondern essentiell beSTIMMEN – also eigentlich das prägende Instrument im kompositorischen Kontext darstellen, welches letztendlich von der Rhythmustruppe 'nur' getragen wird.

Auf der Bühne wurde außerdem offensichtlich, wie stark die dunkle Hintergrundstimmung,die den Sound von POLICA fast durchweg auszeichnet, vom Bristol-Trip-Hop der 1990er Jahre beeinflusst ist. Selbst die vordergründig leichtfüssigen, melodiös-tanzbaren Stücke wie „Lime Habit“ (ein früher Höhepunkt des Konzerts und für mich auch der wahrscheinlich beste Song des gesamten Abends), oder die sanfte Ballade „Feel Life“, bei der Leaneagh's Stimme fast schon elfenhaft, wie zersplittertes, feines Glas klang, haben diesen düsteren Beiklang, der mich seinerzeit schon durch die ersten drei grandiosen Alben von Massive Attack getragen hat.

Aber ich muss hier auch sagen, dass live das ein oder andere Stück dann doch schlicht an mir vorbeigerauscht ist. Ohne richtige Dynamik, ohne Spannungsbögen, kann solche Musik halt einfach nur langweilig sein und das sind POLICA leider manchmal durchaus. Diesen Kritikpunkt an ihrem Schaffen konnten sie also mit dem Auftritt bei mir zumindest (noch) nicht ausräumen. Umso intensiver wirken dann andererseits natürlich die herausstechenden Momente, wie das noisige „Fold up“, das in einem wunderbaren Malstrom aus Krach mündete, oder dieser unglaublich intelligent arrangierte Popsong namens „Forget me Now“, der mich anschließend noch ein paar Stunden als Ohrwürmchen durch die Nacht begleiten sollte.

Insgesamt also ein Abend, der schon Spaß gemacht hat. Ich werde die weitere Entwicklung von POLICA sicherlich auch in Zukunft wohlwollend im Blick behalten – wenn auch vielleicht meist nur aus den Augenwinkeln.

Martin, 28.03.20

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