Gone to Heaven – John Prine (1946-2020)

 

Ist es eigentlich erlaubt, einen Nachruf auf einen Künstler zu verfassen, dessen Werk man erst nach oder sogar gerade wegen dessen Ablebens für sich entdeckt hat?
Tatsächlich sagte mir der Name John Prine bis vor kurzem gar nichts. Erst die diversen Würdigungen angesichts seines Todes in nahezu allen ernsthaft Organen unserer vielfältigen Presselandschaft (vom Rolling Stone bis zur Süddeutschen Zeitung), allesamt geprägt von unglaublichem Respekt vor diesem Mann und seinem Schaffen, haben mich zu der Beschäftigung mit dessen Musik inspiriert. Was ich da zu hören bekam, hat mich einerseits sehr glücklich gemacht (und macht es mich gerade immer noch), andererseits aber auch irgendwie sehr beschämt.

Glücklich, weil die Songs von Prine in ihrer Schönheit, Ehrlichkeit und Größe wahnsinnig berührend daherkommen. Vor allem das schlicht John Prine betitelte Debüt-Album von 1971 spielt für mich unzweifelhaft in einer Liga mit solchen Klassikern wie 'Grievious Angel' oder 'Blonde on Blonde'. Prine bringt auf dieser Platte die (eigentlich gar nicht so unvereinbaren) Welten von Gram Parsons und Bob Dylan (v. a. dessen Arbeiten in den späten 60ern) in einer Einzigartigkeit zusammen, die mich echt niederknien lässt.
Beschämt, weil es mir eigentlich unerklärlich ist, wie ich trotz meiner ausgeprägten Liebe zu und Beschäftigung mit U.S.-amerikanischem Folk/Country/Songwriter-Sound dieser Zeit einen ihrer herausragenden Protagonisten schlicht übersehen konnte. Schlimmer noch: Als großer Anhänger des sogenannten Americana der 1990er Jahre, also solchen Bands wie den Jayhawks oder Wilco (um nur zwei zu nennen), ist es eigentlich unverzeihlich, einen John Prine nicht gekannt zu haben. Denn man kann ihn zweifelslos als den 'Grandfather' dieser auch 'Alternative Country' genannten Musikrichtung bezeichnen. Ein ziemlich guter Gitarren-Spieler war er darüber hinaus übrigens auch noch.

Prine war übrigens mitnichten nur ein Liebling der über Musik schreibenden Zunft oder gar so etwas wie ein unterschätzter Geheimtip. Johnny Cash, Joan Baez und Kris Kristofferson (der als sein Entdecker gilt) coverten seine Songs, er gewann mehrere Grammys (zuletzt diesen Februar für sein Lebenswerk) und erwähnter Dylan nannte ihn einmal den Marcel Proust der Countrymusik. Für den ebenfalls nicht ganz unbekannten Bruce Springsteen war John Prine einer der größten Songschreiber ever. Die Liste der fast schon ehrfurchtsvollen Statements großer Musikerkollegen zu seinem Tod ist ellenlang.

Im ländlichen Amerika der 1950er Jahre aufgewachsen, behandelte er in seinen Texten vorwiegend die konkreten Sorgen und Nöte der einfachen Menschen in den Dörfern und Kleinstädten. Seine ersten Platten durchzieht deshalb auch immer eine gewisse Traurigkeit. Gleichzeitig war Prine ein offener, progressiver Geist, der Patriotismus und reaktionäres Denken zutiefst verabscheute, ein echter Menschenfreund – alles durchaus bis heute eher ungewöhnlich in einer überwiegend konservativ geprägten Country-Szene.
Nach mehr als 15jähriger Pause veröffentlichte er seit 1995 in größeren Abständen wieder neue Alben, das letzte 2018.

Mit dem Alter wurden die Texte zunehmend ironischer, waren mit einem zielsicheren, feinen Humor ausgestattet. Auf einem allseits bekannten Internetz-Clip-und-Filmchen-Portal finden sich u. a. einige Liveaufnahmen aus seinen letzten Jahren, die einen etwas unförmigen, von Krankheit gezeichneten alten Mann zeigen, dessen charaktervolle Stimme brüchig und kräftig zugleich daherkommt. Doch man sieht auch diese wachen, hungrigen Augen und das Strahlen, bzw. diese Ausstrahlung. Man sieht jemanden, der die Musik und das Leben über alles liebte!

Auf seinem letzten Album 'The Tree of Forgiveness' hat sich John Prine bereits mit seinem Tod auseinandergesetzt. Im halb-gesprochenen „When I go to Heaven“ schüttelt er nach seiner Himmelsfahrt zuerst Gott die Hand, startet dann eine Rock'n'Roll-Band, küsst das schönste Mädchen weit und breit, trinkt einen großen Cocktail und raucht dann gemütlich eine 9 Meilen lange Zigarette.

Prine überstand eine langwierige Krebserkrankung und war gesundheitlich schon seit einigen Jahren sehr angeschlagen, stand aber immer noch regelmässig auf der Bühne. Seine für den letzten Winter geplante Welttournee musste er allerdings bereits absagen. Es ist schon fast tragisch, dass er jetzt seinen letzten Kampf ausgerechnet gegen das Corona-Virus verloren hat.
John Prine starb am 07. April 2020 in seiner Wahlheimat Nashville.

Martin, 17.04.2020

P.S.: Hier noch einige Links zum Entdecken auf erwähntem Internetz-Clip-Portal:

Das erste Album von 1971
 

Der Clip zu 'When I got to Heaven"
 

Ein ziemlich cooles Book-Shop-Konzert von 2018 (unbedingt anschauen!!)
 

Und ein längeres Konzi von 2017

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