Godspeed You! Black Emperor   g_d's pee at state's end (VÖ: 2.04.21 / Constellation)

 

Sie lassen sich Zeit. Viel Zeit. Nach Aufsetzen der Nadel ertönen zunächst diverse Einspielungen vom Band, ehe eine Gitarrenmelodie einsetzt; repetitive Rhythmen beginnen, choral unterlegt, ihre Bahnen zu ziehen. Dabei steigt die Spannung unentwegt. Eine erste Spannungsentladung ist nach geraumer Zeit das hinzukommende Riff einer richtig schön dreckig klingenden Gitarre, es folgen Bass, Schlagzeug – als käme nach fast acht Minuten Prolog nun ein Intro...

Es wirkt geradezu, als befände sich das musizierende Kollektiv aus Montreal auf der Bühne und ließe sich treiben. Vielleicht sind ein paar Fixpunkte im Set verarbedet, an welchen ein weiterer Klang sich einfügen darf, wie sich der munter apokalyptische Reigen gestalten soll. Oder es ist einfach komplett durchkomponiert und genau so gewollt. Der Titel des A-Seitenstücks auf g_d's pee at state's end lautet in Gänze:
"A military alphabet (Five eyes all blind) (4521.0kHz 6730.0kHz 4109.09kHz) / Job's lament / First of the last glaciers / Where we break how we shine (Rockets for Mary)".
Ja. Ernsthaft!! Ich wünschte, es gäbe ein paar fundiert qualifizierte Godspeedolog*innen, die mir das alles genauer erklären könnten. Aber – anyway – beim Hören ist das völlig egal, zieht einem der Sog des Stückes doch ohnehin einfach mehr und mehr in seinen Bann. Besonders dann, wenn sich einzelne, nach Art des American Minimalism unstet wiederholende Riffmelodien, nun mehr und mehr überlappen, sich ergänzen, aufeinander aufbauen, sich höher und höher türmen – was für ein Sound!! Dazu bauen sich immer wieder neue Bilder im Kopf auf, endlose, verlassene Weiten, eingehüllt in die apokalyptisch anmutende Schwere des wie eine dringlicher werdende Warnung klingenden Sounds.

Unter all diesen gemächlichen Entwicklungen, dieser entschleunigten Dynamik, bleiben die Spannungsbögen des Albums durchgängig hoch. Wenn auch beim Hören via Vinyl nach der A-Seite der LP nun die A-Seite der 10" dran ist, was den Gesamtfluss offenbar mit Berechnung unterbricht, und mit "Fire at Static Valley" ein ambient-lastiges, melodiöses Drone-Intermezzo zum zweiten Stück der LP führt:
" "Government came" (9980.0kHz 3617.1kHz 4521.0 kHz) / Cliffs gaze / Cliffs' gaze at empty waters' rise / Ashes to sea or nearer to thee".
Stimmung wie Spannung führt sich hier fort, ehe auch versöhnlichere, hoffnungsfrohere Klänge zu hören sind, bis nach einem rauschenden Break plötzlich eine wundervolle Melodie um die Ecke kommt, kurz bevor das Stück in Glockengeläut auf Endlosrille schließt. Oder eben unendlich weiterläuft...

Als Outro, Epilog und Abschluss nach diesem Finale kommt ein weiterer Drone; das großartig von der Geige dominierte "Our Side Has To Win (for DH)" der B-Seite der 10", das nicht nur behutsam die Spannung auflöst, sondern gleichsam Klänge der Hoffnung zu zelebrieren vermag.

Ein tolles Werk der Kanadier, das mich phasenweise sehr an das 2000er Werk 'lift yr. skinny fists like antennas to heaven!' erinnert und mehr denn je die vermeintlichen Grenzen zwischen klassisch symphonischen Kompositionen und dem musikalischen Erbe diverser Spielarten des Rock in der Attitüde des gesellschafts- und vor allem regierungskritischen Punk sprengt, um alles nahtlos ineinander fließen zu lassen. Und im besten Falle einer sich mittelfristig eröffnenden Zukunft wird das Werk im Januar '22 auf einer Europatour zu bestaunen sein, die GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR auch nach Karlsruhe führen wird – wie mir das Internet verraten hat...

2.05.21

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Heißer Scheiß

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