Motorpsycho  Ancient Astronauts (VÖ 19.08.2022 / Stickman)

 

Welch‘ Freude in komischen Zeiten war es, Anfang Juni lesen zu dürfen, dass im August ein neues Motorpsycho-Album erscheinen wird!! Nun ist es da und mich überfällt erneut der Eindruck, dass Hans Magnus Ryan und Bent Saether, mit einigen festen und wechselnden musikalisch Mit-Forschenden, in ihrem Umgang mit der Kreativität und den daraus entstehenden Werken einen exakten Gegenentwurf jedweder gängiger Vorgehensweisen und deren Ergebnisse zeichnen. Bereits beim Sichten des Covers wird dieser Eindruck ziemlich dick unterstrichen: Außen, bleibt das Klappcover gefaltet, ist vorn wie hinten ein Bild eines bzw. zweier verhüllter Männer im Wald zu sehen. Klappt man das Cover auf, ist rechtsseitig Drummer Tomas Järmyr auf einer Lichtung im Wald zu sehen, der soeben einen Gong schlägt. Linksseitig sind Songs und Credits gelistet. Würde die Hülle nun einfach andersrum geklappt, wäre es das klassische Schema an Front-Bäck- und Innen-Außen-Cover und deren Artwörk. Aber nein, bei den Trondheimern ist eben vieles exakt gegenteilig. So ist es auch mit der Musik: Brüche sind Kontinuität und Grenzen zum Überwinden da. Es überrascht also nicht, dass Ancient Astronauts erneut überrascht…

„The Ladder“ zum Auftakt schwebt sich gemächlich ein und entwickelt bald die mittlerweile etablierte motorpsychedelische Prog-Rock-Interpretation. Hierauf folgt ein etwas über zweiminütiges Intermezzo per Synthies namens „Flower of Awareness“. Dies wiederum entspringt den Tasten von Helge Sten, als Komponisten sind Sten und Järmyr angegeben. Helge Sten alias Deathprod war bis etwa Mitte der Neunziger festes Bändmitglied und ist noch bis heute regelmäßig in unterschiedlicher Weise an vielen Alben der Norsemen beteiligt. Hier klingt beim Sound bereits stark die Instrumentierung durch; wohl auch daher, weil Gitarrist Reine Fiske erstmals seit langer Zeit nicht dabei sein konnte.

Im Laufe vom folgenden „Mona Lisa/Azrael“, dem wahlweise zweiten oder dritten Song des Albums, je nachdem, ob das oben genannte Intermezzo als Song gezählt wird, entwickelt sich in zwölf Minuten Spielzeit phasenweise ein wahres Gitarre-und-Bass-Sound-Spektakel, eingebettet in sphärische, ruhige Klänge und mit sehr schöner Melodielinie versehen, die wahlweise von Sten oder Snah oder auch gemeinsam gespielt wird und die bald angenehmst im Ohr bleibt.

Ja. Beim ersten Hören bedarf es tatsächlich noch der Gewöhnung. So habe ich mich zunächst auf die A-Seite beschränkt, aus deren Songs punktuell manch Reminiszens neuerlich auf das 2012er ‚Death Defying Unicorn‘ zurückgeht. Insbesondere in den ruhigen Gesangsparts von „The Ladder“ und „Mona Lisa / Azrael“ schimmert die damalige Reise deutlich durch. Nach zwei A-Seiten-Durchläufen führte ich mir den die gesamte B-Seite beanspruchenden 22-Minüter zu Gemüte: „Chariot Of The Sun – To Phaeton On The Occasion Of Sunrise (Theme From An Imagined Movie)“. Und der in Klammern gesetzte Untertitel des Stücks ist Programm.

Hier ist großes akustisches Kino angesagt, das nicht nur repetitive Anteile der American Minimal Music aufweist, sondern auch einen starken Hauch neo-klassischer Ansätze in Klang und Struktur verzeichnet: Einem langen, atmosphärisch ambient-lastigen Intro steht eine kleine, sich mantra-artig wiederholende, Gitarrenmelodie zur Seite. Noch lange vor der von Zeit zu Zeit hinzu kommenden, eher choral gehaltenen Bäckgroundstimme, sieht man extraterrestrische Bilder an sich vorbeiziehen und die Musik ist der Soundträck der imaginär-visuellen Reise. Geerdet wird das Hören erst nach gut sechs Minuten mit der Verzerrung der Gitarre und der Verhärtung des Sounds, dem sich bald die typisch psychonautisierenden Grooves anschließen. Damit führen die vier gekonnt zurück aus dem All und mitten hinein in einen klassisch und ganz stilecht und bändtypisch instrumentalen Jäm: Der Bass markiert nun die Erdanziehungskraft, während die Gitarre durch endlose Weiten mäandert. Das Stück entwickelt sich immer mehr zu einer Live-Darbeitung, als es nach Studio klingt. Kein Wunder, übrigens, denn das Album ist, abgesehen von den später aufgenommenen Gesängen, komplett live eingespielt. Und da sind Motorpsycho nunmal nahezu unvergleichlich gut!! Auch keine Überrschung, dass mich dieser Träck sofort im Griff hat, der nach dem Jämrock-Teil wieder in die Sphären des Beginns zurückkehrt. Sehr gelungen, das!!

So startet das Album, nach kurzer Gewöhnung, bei mir mit dem dritten Durchlauf so richtig durch. Hier wird eine knappe dreiviertel Stunde lang ein Werk präsentiert, das eine erneute Wende des Schaffens einläuten könnte oder auch als neuerliches Experiment, als Ausflug und Momentaufnahme einfach so für sich steht. Letzteres wird schlüssig, wenn bekannt ist, dass die Songs als Musik zu einer Tanzaufführung komponiert wurden. Also fast schon eine Auftragsarbeit, ähnlich ‚En Konsert for Folk Flest‘, einem Stück für Orgel, Rockbänd, Streicher und Chöre, das im Sommer 2014 in der Trondheimer Nidaros-Kathedrale im Rahmen eines Kulturfestivals mit Ståle Storløkken live aufgeführt und aufgenommen wurde. Oder das Entstehen der 2017er Doppel-10“-LP ‚Begynnelser‘, zu welcher nach einem Werk vom norwegischen Schriftsteller Carl Frode Tiller ebenfalls getanzt wurde und Motorpsycho den Sound beisteuerten. Nur eben, dass der Psych-Jäzz-Rock hier präsenter ist, als auf den genannten früheren Ausflügen in fiktive oder reale Performäncemusiken. Den wesentlichen Unterschied zu vorigen und sonstigen Alben macht dabei für mich das Zutun von Deathprod bei gleichzeitiger Abwesenheit von Reine Fiske.

Festzuhalten bleibt, dass das Ausloten der Möglichkeiten im Rahmen einer unstillbaren Spiel- und Experimentierfreude auf Ancient Astronauts munter weiter geht. Und das erneut in einer dermaßen hohen künstlerischen Qualität, dass es doch wieder kaum fassbar scheint…

 

Hört am besten selbst – HIER 

22.08.22

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