The Notwist                            23.04.22 Wiesbaden, Schlachthof

 

Exakt vier Wochen nach meinem diesjährigen Konzertbesuchs-debüt zog es mich erneut in die Halle des Gebäudes mit dem pittoresken Turm. Weilheimer Vollblutnerds schickten sich nämlich an, hier das erste Konzert einer wohl aus Terminverschiebungs-gründen eher zerstückelten Tour zu spielen. Änywäy – das Gehörte war ziemlich beeindruckend...

Ohne Vorbänd starteten The Notwist recht pünktlich um zehn nach halb neun ihr Set mit "Into Love / Stars", dem zweiten Stück vom 2021er Album 'Vertigo Days'. Zu sechst waren sie auf der Bühne zugegen, von meiner Warte aus gesehen links außen, etwas nach hinten gerückt, war der allzeit in seinem wuchtigen Groove badende Micha Acher zugange, neben ihm trommelte und perkussionierte, je nach Bedarf und allzeit taktsicher, Andi Haberl. Vor dessen Schlagzeug wiederum betätigte sich der Gretschmann-Nachfolge-Frickler Cico Beck an den Knöpfen, die er hin und wieder fürs Spielen der Gitarre verließ und Frontmann, Sänger und Gitarrist Markus Acher, der wie gewohnt in der Bühnenmitte agierte, mit weiteren sechs Saiten unterstützte.
Dieser pausierte selbst gelegentlich an der Gitarre und kümmerte sich um Loops, Sämples oder Blieps und Blonks und sonstige Geräusche. Max Punktezahl war zumeist am Keyboard rechts des Sängers tätig und ungefähr zwischen bzw. hinter ihm und dem singenden Frontmann verdingte sich Karl Ivar Refseth, an diesem Abend der auffälligste Akteur des Sextetts, am Vibraphon, einem dem Xylophon recht ähnlichen Instrument, dem er mit diversen Klöppeln wie Stöckchen und nicht zuletzt anhand Bogenstreichens feine Klänge entlockte. Nach einer knappen handvoll Songs – dem Opener folgten einer der Ohrwürmer des aktuellen Werks, "Exit Strategy to Myself" sowie "Kong" vom Vorgängeralbum 'Close to the Glass' und – fast einen kleinen Bruch markierend – der ewig zeitlose Melancholie-Hit "Pick up the Phone" vom zwanzig Jahre alten Klassiker 'Neon Golden'.

Während auf der letzten Tour die instrumentalen Parts noch sehr groovy, treibend und jäzzig inspiriert waren – sehr gut zu nachzuhören auf dem tollen Triple-Live-Album 'Superheroes, Ghostvillains + Stuff' aus 2016 –, lagen dieses Mal die Schwerpunkte bei introvertierterem Experimentieren mit Klängen, was für die Anwesenden im zu etwa zwei Dritteln gefüllten Saal, der ganz gefüllt zweitausendvierhundert Personen fasst, viel Raum für sanftes Wiegen gab – in meinem Fall gerne mit geschlossenen Augen –, anstatt knapp zwei Stunden durch treibende Grooves zur rhythmischen Bewegung hingerissen zu werden. Besonders charmant war der zwischenzeitliche Ausflug des Bassisten ans Susaphon, diesem Blechblasinstrument mit dem riesigen Klangtrichter. Auch solch stete Überraschungen tragen nicht zuletzt dazu bei, dass The Notwist nach über dreißig Jahren Bändgeschichte, live wie auf Platte, noch immer ein Faszinosum darstellen.

Ein ganz großes Highlight waren für mich die letzten beiden Stücke des regulären, gut achtzigminütigen Sets: "Into Another Tune" von 'Close to the Glass" mit Ansätzen von Stakkatoriffs der Gitarren, sowie das großartige "Gravity" vom 2008er 'The Devil, You + Me'. Hier waren endlich auch mal ein paar fette Gitarrenriffs zu hören, die immer mehr aus dem Gesamtsound der Bänd zu verschwinden scheinen – was ich insbesondere bei der Live-Performänce ein wenig bedaure. Auch der Sound von Achers E-Gitarre wirkt in der Verzerrung zunehmend technisch steriler und sich somit von gängigen Gitarrensounds entfernend. Dem Gesamtklangbild des aktuellen Album, welches fast in Gänze präsentiert wurde, wird dies wiederum mehr als gerecht.

So war also ein hochinteressantes, gerade auch in der zeitweisen Zurückgenommenheit, sehr spannendes Konzert zu hören, das visuell vereinzelt mit Projektionen am Bühnenhintergrund unterlegt war, vor allem aber mittels vielen, klug arrangierten und dezent eingesetzten und über die gesamte Bühne verteilten Lichtspielereien optisch veredelt wurde.

In den beiden insgesamt etwas über eine halbe Stunde dauernden Zugabeblöcken begeisterten die Oberbayern mit tollen Versionen von "Pilot" und "Consequence", ebenfalls vom Klassiker 'Neon Golden', von welchem außerdem "One With the Freaks" und "This Room" im Set waren, ehe Refseth ein hübsches Outro klöppelte, nach welchem die offenbar sehr zufriedenen Anwesenden um kurz nach halb elf hinaus in die Nacht entlassen wurden, wo mir "Gravity" noch lange angenehm nachklang...

 

P.S.: Aus mir unerfindlichen Gründen gab die Bänd trotz höflicher Nachfrage keine Setlisten aus. Supernerds halt. Egal – wenn ihr wollt und wenn ihr könnt: So ähnlich sah das Beschriebene samt Sound aus – guck & hör hier

25.04.22

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