A Farewell to the Great Daniel D. Johnston
(1961 - 2019)

 

In meiner Anfangszeit als c0ntrapunk-t -solo- hatte ich stets einen Song namens "Devil Town" im Set. Da ich zu jener Zeit reichlich treues Stammpublikum hatte, entwickelte sich diese Coverversion ganz selbstläuferisch zu einem ziemlichen Hit in manchen damals von mir beschrittenen Kreisen. Mit wiederum einem Teil jener Kreise unternahm ich 2013 eine Projektreise in die USA. Danach wurde, zur anstehenden Projektpräsentation, "Devil Town" kurzerhand zu Darbietungszwecken für akustische Gitarre, Saxophon und Chorgesang umgetextet und sich zweckgebunden angeeignet.

In meinen Kosmos trat diese Perle eines Songs zu Beginn der sogenannten Nuller, also der ersten paar Jahre des Jahrunderts. Ich hörte das Stück erstmals auf der Compilation-CD 'noise floor - (rarities: 1998-2005)' der BRIGHT EYES, die ich zu Beginn der Dekade sehr ausgiebig und liebend gerne gehört habe. Weil ich das Ding unbedingt ausprobieren wollte, suchte ich also im Netz nach Text und Akkorden und stieß sodurch unweigerlich auf das Werk eines unfreiwillig radikalen, sehr eigenwilligen, dabei allerweitstgehend unerkannt gebliebenen, nichtsdestotrotz sehr großen Künstlers: Daniel Johnston.

Die mitreißendste Wirkung von "Devil Town" erreicht denn auch, obwohl von Conor Oberst's BRIGHT EYES großartig interpretiert, vor allem die Solo-à-Capella-Version von Daniel Himself, die in ihrer herzergreifend schlichten, recht angeschrägten Schönheit ihresgleichen sucht.

Nachdem ich das eine oder andere Stück Johnston's im Netz gefunden hatte, dauerte es nicht lange, bis mich diese unkonventionellen, oft alleine am Piano gespielten Songs, insbesondere mit dem brüchigen Klang dieser Stimme, in ihren Bann zogen. So legte ich mir 2009 die frisch veröffentlichte und überwiegend von Johnston alleine eingespielte, eher folkig-rockige Platte 'is and always was' zu. Im folgenden Jahr erschien 'Beam Me Up', eine Kolaboration mit dem holländischen Beam-Orchestra, auf welcher einige seiner Songs - auch "Devil Town" - in wieder ganz anderen, eben orchestralen Gewändern, interpretiert wurden - übrigens damals meine zweite Rezension in der hiesigen Plattenkiste. Als dann 2010 noch eine 6-LP-Box erschien, inklusive Poster mit vielen Zeichnungen und Bildern sowie einem sechzigseitigen, mit vielen Malereien des Künstlers ausstaffiertes Büchlein, das außerdem Interviews, Liner-Notes und Informationen zu den hier enthaltenen ganz frühen Aufnahmen enthielt, griff ich selbstverständlich zu. Die Songs auf dieser Box wurden durchweg in den frühen Achtzigern, sehr Lo-Fi mit Tapedeck im Wohnzimmer aufgenommen und von Daniel damals unter dem Label Stress Records als Kassetten für 3 bis 4 Dollar verkauft.

In dieser Sammlung befinden sich Alben, die etwa mit 'Songs of Pain' betitelt sind oder 'Don't Be Scared' heißen - letzteres übrigens mein Lieblingsalbum der mir bekannten. Darauf singt Daniel Johnston, von sich selbst am Piano begleitet, Love-Songs und Geschichten von Sehnsucht, Songs vom Leben und vom Tod, über Schmerz und Dämonen. Die Alben sind zwar nicht so ganz einfach zu hören, meist mit vielen Neben- und Hintergrundgeräuschen behaftet, doch sind gerade diese frühen Aufnahmen beispiellos naiv klingende Pop-Songs, die in authentischster Darbietung aufgezeichnet sind und von dieser Aufnahme- und Klangqualität einfach nur dick unterstrichen werden. Damit schaffte der in Kalifornien geborene und in West-Virginia aufgewachsene, später in Texas lebende Johnston zwar, Künstler wie David Bowie, Beck, Kurt Cobain und oben erwähnten Conor Oberst für sein Werk zu begeistern, aus der Subkultur heraus in eine breitere Öffentlichkeit schaffte er es aber nie. Nicht zuletzt wohl auch wegen regelmäßiger psychotischer Episoden und Zusammenbrüche, die ihn immer wieder aus der Bahn warfen.

Ein klein wenig Aufmerksamkeit erlangte Danny zwischenzeitlich mittels seiner Bilder, die in ihren surreal und comicartigen Abstrahierungen genau so aussehen, wie seine Songs klingen: Nämlich gleichsam weltschmerzhaft wie unbedarft, genauso geplagt wie hoffnunsgvoll, ebenso spaßig wie oft auch befremdlich anmutend. Eines seiner gemalzeichneten Motive gab es Anfang der Neunziger als T-Shirt, welches Nirvana-Sänger Kurt Cobain bei irgendeiner Verleihung eines Preises trug. Auf diesem Umweg interessierten sich plötzlich manche Leute für den Urheber dieses komischen Wesens mit den ausladenden Augäpfeln auf dem Shirt des Stars.
Bei der Charakteristik dieses kreativen Outputs ist nicht nur anzunehmen, dass seine Psychosen auch innerer Antrieb waren. Gut zu hören ist das beim boogie-bluesigen "Keep Punchin Joe" von seinem offiziellen Debüt 'Hi How Are You' von 1983, wo seine Pein auch textlich durchklingt. Oder, subtiler, beim großartigen "The Story of an Artist", einem meiner ganz großen Favoriten des malenden und singenden Songschreibers vom 82er 'Don't Be Scared'...

Etwa sechs Wochen ist es nun her, dass dieser große Künstler unsere Erde verlassen hat. Daniel D. Johnston starb am 10. September im Alter von 58 Jahren (laut diverser online-Zeitungen) an einem Herzinfarkt. Irgendwo war dem noch ein 'natürlicher Tod' hinzugefügt. Das dürfte dann aber auch das einzig Normale im Leben Johnston's gewesen sein: Der natürliche Tod...


Farewell, Dänny!! Ich werde in meinem nächsten Set sicherlich an Dich erinnern!! In meinem Kosmos bist du ohnehin unsterblich...

 

23.10.19

hier zu Devil Town (ob es diese Version auch auf Tonträger gibt ist mir nicht bekannt)
da zur Rezension Beam Me Up
dort ist The Story of an Artist
und hierhin zu Keep Punchin Joe

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